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Mein erstes Ziel im Osten Deutschlands ist erreicht.

Mein erstes Ziel im Osten Deutschlands ist erreicht.
29. Juli 2019 Keine Kommentare

Schon von weitem sehe ich die große Autobahnbrücke bei Hörschel, die das Werratal überspannt. Und als ich den Ortseingang erreiche, erkenne ich die weithin sichtbare Pension wieder. Hier war ich 2006 und hier begann meine mehrtägige Wanderung auf dem Rennsteig über den Thüringer Wald. Dieser Rennsteig ist auch sofort präsent. Meine Route des Wanderwegs der Deutschen Einheit führt über diesen Rennsteig. Kaum habe ich den Startpunkt des berühmten Wanderwegs passiert, beginnt eine ordentliche Steigung. Nachdem ich den ersten Anstieg hinter mir habe, öffnet sich rechts von mir ein Tal mit der Stadt Eisenach. Ich umrunde mit Auf- und Abstiegen Eisenach fast komplett. Bei einem zentralen Kreuzungspunkt treffen verschiedene Wanderund Pilgerwege zusammen. Für mich endet hier der Wanderweg der Deutschen Einheit. Hier wechsele ich auf den ökumenischen Pilgerweg, der auch gleichzeitig ein Stück des Lutherweges ist. Ich bin allerdings in umgekehrter Richtung auf dem Jakobsweg unterwegs. Bevor ich Eisenach erreiche, führt mich meine Route zur Wartburg. Diese erreiche ich auf einem steilen schmalen Pfad. Die Burg ist für mich als ein Mittelpunkt Deutschland interessant. Nach einer Berechnung ist eigentlich der Weiler Landstreit der Mittelpunkt. Doch die Burg wurde stellvertretend ausgewählt. Hier verschmilzt Geografie mit Historie. Auf der Burg wurde unsere deutsche schwarz-rot-goldene Fahne eine der ersten Male gehisst. Doch einen Hinweis auf den Mittelpunkt finde ich in der Burg nicht. Ich besuche mit dem Taxi am nächsten Tag auch den Weiler Landstreit. Auch hier gibt es kein genauer Hinweis. Mit Erlaubnis einer Hausbesitzerin betrete ich das Privatgrundstück und bin in unmittelbarer Nähe des für mich dritten Mittelpunktes von Deutschland. Alles sehr unspektakulär.


www.deutschland-zu-fuss.com/index.php/extrempunkte-deutschlands-und-eu/mittelpunkte/mittelpunkte-deutschlands

Da ich den Pilgerweg in umgekehrter Richtung laufe – üblich ist Richtung Santiago -, sehe ich kaum Pilgerwegezeichen. Ich verlasse mich ganz auf mein Outdoor-Navi. Insgesamt kommen mir auf diesem Weg gerade mal 14 Pilger entgegen. Je länger ich auf dem Pilgerweg wandere, umso wärmer wird es. Oft bin ich stundenlang auf Wegen durch Felder unterwegs. Schattenspendende Büsche und Bäume sind selten. Nennenswerte Steigungen gibt es auch nicht. Dafür viele kleine oder sehr kleine Dörfer. Sehenswert dann Gotha und noch viel mehr die Stadt Erfurt mit einer bemerkenswerten Altstadt. Es folgen weitere sehenswerte Ort wie zum Beispiel Naumburg an der Saale. Ich lerne, dass es im Osten auch Weinanbaugebiete gibt. Halb verdurstend kehre ich in einer Straußwirtschaft ein und trinke Mineralwasser! Einen angebotenen Wein riskiere ich nicht. Noch bin ich wandernd unterwegs. Ich besuche Leipzig und lerne es als eine moderne Großstadt kennen. Der Hauptbahnhof ist beeindruckend. Dann der Weg morgens etwa sieben Kilometer raus aus dem Zentrum von Leipzig ist allerdings ernüchternd. Danach sollte eine Brücke kommen, doch diese ist bereits abgerissen. Mein Weg endet abrupt vor einer Absperrung zur Autobahn. Da mir niemand sagen kann, wo ich in der Nähe die Autobahn über- oder unterqueren kann, bestelle ich mir ein Taxi. Dieses setzt mich genau auf der anderen Seite der Absperrung ab. Als Wege erlebe ich vieles. Mal Beton, mal Asphalt, aber auch Wald-, Wiesen- und Trampelpfade. Mal bin ich schildernd durch nassen Lehm unterwegs, mal durchwandere ich hüfthohes nasses Gras oder schulterhohe Brennnessel und Springkraut. Aber auch nicht oder nicht mehr vorhandene Wege und vermatschte mit Stämmen, Ästen und Zweigen versperrte Waldwege gehören zu meiner Wanderung dazu. Genauso verlaufe ich mich durch Unachtsamkeit. In einer Allee mit alten Kirschbäumen und prallen reifen Kirschen in Griffhöhe vergesse ich für Momente das Wandern. Ich esse pfundweise die süßen großen und kleinen Kirschen. Bei der Hitze ist schnell mein mitgenommenes Wasser lauwarm und leider gibt es keine Einkehrmöglichkeiten. In den kleinen Dörfern gibt es schon lange keine Kneipen und Tante-Emma-Läden. Supermärkte liegen abseits der kleinen Orte und sind für mich unerreichbar. Einmal konnte ich nicht einmal mehr lauwarmes Wasser trinken. Meine Wasserflasche war leer. Nachdem ich an einem Haus um frisches Leitungswasser bat, bekam ich noch ein Eis spendiert. Dann endlich erreiche ich die Elbe. Im Ort gibt es eine Fähre, nur fährt diese an meinem Abreisetag nicht. Im nächsten Ort Riesa gibt es die nächste Fähre. Einige Kilometer durch Wiesen an der Elbe entlang erreiche ich den Ortsrand von Riesa. Hier erfahre ich von einem Einheimischen von den Überschwemmungskatastrophen 2010 und 2013. Der Mann arbeitete damals in seinem Schrebergarten und hörte plötzlich lautes Rauschen. Wenige Momente später erreichte das Hochwasser die Gärten. Er und andere rannten zu einer naheliegenden Erhöhung. Von dort konnten sie nur noch die weggerissenen Gartenlauben beobachten. Als ich den Fähranleger erreiche, sehe ich schon von Weitem die Fähre. Doch sie ist verweist und ein Schild klärt mich auf: „Der Fährbetrieb ist wegen technischer Probleme eingestellt“. Wieder einmal nutze ich ein Taxi, das mich auf die andere Seite des Anlegers bringt. Ich wandere auf dem Elberadweg Richtung Dresden. Bei einer Pause komme ich mit Personen des Ortes ins Gespräch und bekomme die örtliche Spezialität „Eierschecke“ spendiert. Dann durchquere ich Meißen. Das dortige Porzelan-Museum besuche ich nicht. In Radebeul muss ich aber unbedingt in das Karl-May-Museum. In meiner Jugend habe ich die Romane der Helden Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsis verschlungen. Hier kann ich die Silberbüchse, den Henrystutzen und den Bärentöter bewundern. In der Dresdener Altstadt mache ich Pause. Bei Traumwetter durchstreife ich Dresden und sitze abends im Straßenrestaurant. Diese Stadt hat es mir angetan!

Mein Traum mit dem Schaufelraddampfer von Dresden nach Bad Schandau durch das Elbsandsteingebirge zu fahren, platzt wegen Niedrigwasser. Da ich dieses Teilstück nicht wandernd eingeplant hatte, nehme ich frustriert den Zug. Ab Bad Schandau wandere ich weiter und stehe ich nach einem anstrengenden Anstieg vor einem Durchgangsverbotsschild. Nur bis zu einem mir unbekannten Einstieg in einen Wanderweg ist es für Wanderer frei. Zurück möchte ich nicht und so laufe ich weiter. Bei einer großen Baustelle lässt man mich bei sehr großen Baggern mit fast Straßenbreite durch. Nach Bad Schandau bin ich wieder wie zu Beginn meiner Wanderung auf dem Wanderweg der Deutschen Einheit unterwegs. Streife Gebiete des Elbsandsteingebirges und durchquere Orte mit der Spree, hier noch in Bachgröße. In der Nähe fließen zwei Spreearme zusammen und dort war ich schon 2013 bei meiner Deutschlandumrundung. Ich bin im Gebiet der Umgebindehäuser und sehe viele inzwischen schön renovierte Häuser. Hier entstand ein besonderer Baustil. Im Erdgeschoß standen früher Webstühle. Der Raum wurde wegen den Erschütterungen der Webstühle baulich vom wohnenden Obergeschoß getrennt. Mit einer spontan ausgearbeiteten GPS-Route wechsele ich wieder auf den ökumenischen Pilgerweg. Bautzen sehe ich nur aus der Ferne und befinde mich nun in der Oberlausitz. Die Ortsschilder sind zweisprachig. Ich bin im Gebiet der Sorben, einer anerkannten nationalen Minderheit. Übernachte in einem Bio-Bauernhof und habe als Abendbrot nur frisch aus dem Hühnerstahl geholte Eier. Auch am Morgen besteht mein Frühstück aus Spiegeleiern und Rührei mit zusätzlich drei Körnerbrötchen. Ein einstündiger Dauerregen in einem Buswartehäuschen lässt mich kurz an eine Busfahrt denken. Ich kann meinen inneren Schweinehund beim Eintreffen eines Busses aber unterdrücken. Muss einmal einen mit Zaun und Kette versperrten Bahnübergang durch Wiesen umgehen, dann bin ich bereits im Kreis Görlitz und gerade noch in Sachsen. Wenig später aber schon erreiche ich die östlichste Gemeinde Neißeau mit dem Ortteil Deschka in Mecklenburg-Vorpommern. Von meiner Unterkunft starte ich durch abgeerntete Felder immer an der Neiße entlang zum östlichsten Punkt Deutschlands. Am nächsten Tag erreiche ich dann Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands. Abends auf der Terrasse mit Blick auf die Neiße bei einer Schweinehacksen mit einem Bier des zugehörigen Brauhauses beende ich den ersten Teil meines Wanderprojektes. Ich, meine Füße und die Bär-Schuhe haben klaglos die ersten 1.030 Kilometer überstanden.

Fotos: Werner Bach

Veröffentlicht in: Deutschland quer und längs