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Die Wanderfreundschaft

Die Wanderfreundschaft
12. Juli 2019 Keine Kommentare

Freundschaft ist ein großes Wort. Ich bin immer etwas vorsichtig, jemanden vorschnell als „Freund“ zu bezeichnen. Ich finde es daher auch etwas befremdlich, wenn ich bei Facebook Freundschaftsanfragen von Menschen bekomme, die ich mein Lebtag noch nie gesehen habe. Die Freundschaftsdefinition bei wikipedia: „Freundschaft bezeichnet ein … Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet.“ Wenn man das so sieht, habe ich schon viele solide Wanderfreundschaften geschlossen. Denn die gegenseitige Sympathie entsteht ja schon dadurch, dass man für die gleiche Leidenschaft brennt – eben das Wandern. Und Vertrauen muss man bei einer Wanderung sowieso haben: Vertrauen in die Orientierungsfähigkeit, Vertrauen in die Leistungsfähigkeit- und bereitschaft, Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Wanderfreunds.



So war es 2010, als ich das erste Mal mit Thorsten Hoyer wanderte, mittlerweile Dreihundert-Kilometer-Wanderweitstrecken-Weltmeister. Wir wanderfreundeten uns bei einem kurzen Spaziergang von 82 Kilometer an, meisterten Krisen und Durststrecken und gehen auch aktuelle immer wieder wandern – sogar manchmal mit den Kindern. Kürzlich wanderte ich mit einem Journalisten des BR (dazu mehr im Blog „Die Fehler“, coming soon). Schnell waren wir beim Wander-Du, aber die hohe Kunst der Wanderfreundschaft zeigte sich erst, als wir fast zehn Kilometer (wegen eines unnötigen Umwegs in strömendem Regen) größtenteils uns anschwiegen.

Eine Wanderfreundschaft hält es auch aus, wenn es auch größere Pausen zwischen den gemeinsamen Wandererlebnissen gibt. So sind die gemeinsamen Wanderungen mit meinen Wanderfreunden aus Oberboihingen eher überschaubar. Trotzdem existiert ein festes Band, aus Sympathie und Vertrauen. Und mittlerweile senden wir uns sogar Urlaub- und Weihnachtsgrüße.

Ich finde es schön, dass man eine zünftige und absolut analoge Leidenschaft wie das Wandern (inklusive extrem analogem Belohnungs- und Sinnierbier) auch größtenteils virtuell leben kann. Hintermstoaner und Markazero, meine beiden fränkischen Wanderfreunde aus Düsseldorf und Hamburg haben das Kunststück geschafft, schlaue Wandergedanken in den Kommentarspalten von andrackblogs mit realen gemeinsamen Wandererlebnissen zu verbinden. Nur beim nächsten geplanten Wanderfreundschaftsausflug besser mal zwei Wecker stellen, um nicht wieder zu verschlafen. Und besser keine Diskussionen über Zwölftonmusik.

Für mich hat die Wanderfreundschaft auch eine bildliche Entsprechung: Man hört förmlich den sozialistischen Gruß „Freundschaft!“ der unseligen DDR, wenn man das Emblem der Naturfreunde vor sich sieht: Ein kräftiger Händedruck von zwei freunschaftlich verbundenen Pranken. Sehr schön finde ich es übrigens, während einer Wanderung meine Freundschaft zu meinen langjährigen Freunden Markus und Victor zu vertiefen. Klar, wir treffen uns auch mal „einfach so“. Im Theater, beim FC, beim Grillen, bei Geburtstagen (falls wir letztere nicht gegenseitig vergessen), mit und ohne Familie. Aber die gemeinsamen Wanderungen treffen am ehesten den Kern unserer Freundschaften: Zuneigung, Sympathie und Vertrauen.

Veröffentlicht in: Wandern mit Manuel Andrack