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Die Individualität

Die Individualität
4. Juni 2019 Keine Kommentare

Es gibt eine Vielzahl von Gretchenfragen beim Wandern: Wanderst Du allein oder in der Gruppe? Wanderst Du lieber im Mittelgebirge oder im Hochgebirge? Bist Du mehr der Typ für Mehrtagestrekking oder doch eher der bequeme Tagestourenwanderer? Rundweg oder Streckenwanderung? Einkehr oder Rucksackproviant? Eifel oder Hunsrück? Über oder unter zwanzig Kilometer am Tag?

Ganz klar, das Wandern ist etwas für Individualisten, man geht zu Fuß genau so, wie man es eben möchte. Aber gerade in den letzten Jahren sind noch unendlich viele, teilweise sehr spezielle Formen des Wanderns dazu gekommen. In meiner saarländischen Regionalzeitung las ich vor kurzem etwas über eine „sinnvolle“ Wanderung.


Da ich ein sehr sinnvoller Wanderer bin, habe ich mich pünktlich am vereinbarten Treffpunkt eingefunden. Ehe ich mich versah, wurden mir Handschuhe, ein Plastiksack und eine Müllzange ausgehändigt. Ich durfte mit anderen Freiwilligen Müll aus dem Wald entfernen, das war wirklich mal eine sinnvolle Wanderung.

Das Gegenteil ist eine Gourmetwanderung, da bekommt man höchstens eine Zange in die Hand, um sich noch einen Nachschlag zu holen oder die Schnecke aus ihrem haus zu puhlen. Auch bei einer Weinwanderung oder Bierwanderung kommt der Gaumengenuss neben dem Wandergenuss nicht zu kurz. Ob ich allerdings bei einer Jodelwanderung (das gibt es alles tatsächlich, ich habe mir nichts ausgedacht!) mitmachen würde, das wage ich stark zu bezweifeln. Mein Jodeln geht eher als Mittelding zwischen Meckern und Blöken durch, und auf das Gejodele der anderen Wanderer bin ich auch nicht scharf.

Quelle: „Das NacktAktiv Buch“ von Anita & Wolfgang Gramer

Auch dem Nacktwandern stehe ich sehr kritisch gegenüber. Wenn im Sommer der Mückenschwarm kommt und die Disteln, Dornen und Brennnesseln am Wegrand zuschlagen, habe ich lieber eine Hose an.

Ziemlich sinnvoll erscheint mir dagegen eine Single-Wanderung, sofern man denn Single ist. Aber anscheinend werden solche Wanderungen veranstaltet, damit die Singles nicht mehr sehr lange Singles bleiben, und wer wandert dann bei der nächsten Singlewanderung mit? Sehr beliebt sind auch Wanderungen an bestimmten Terminen, Winterwanderungen, Neujahrswandern, Vatertagswanderungen. Nicht zu vergessen Schneewanderungen und Barfußwandern.

Aber für die richtig harten Typen ist Powerwandern das Richtige. Der Autor Philipp Sauer hat „ultimative Extremtouren für zähe Typen“ zusammengestellt. Und was ist mit den zähen Typinnen? In der Buchankündigung las ich, es mache Spaß, 30 Kilometer in acht Stunden zu wandern. Klar macht das Spaß, man nennt das auch Genusswandern, denn eine Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit von unter vier Stunden ist ja nun wirklich kein Ruhmesblatt, Herr Sauer, da hätte ich von einem zähen Typen wie Ihnen doch etwas ultimativeres erwartet.

Der zäheste Powerwanderer der Welt ist sowieso Wladimir Putin. Ich las zuletzt, dass der russische Zar nach Oben-Ohne-Reiten und der Jagd nun auch das Wandern für sich entdeckt hat. Nach einer Acht-Kilometer-Bergtour schmerzten seinen Mitwanderern noch lange die Beine, während der Führer der aktuellen UdSSR von einer kleinen „Morgengymnastik“ sprach. Das war wahrscheinlich eine wirklich sinnvolle Wanderung für den ultimativen und härtesten Herrscher des Globus.

Veröffentlicht in: Wandern mit Manuel Andrack