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Die Entdeckungen

Die Entdeckungen
3. September 2019 Keine Kommentare

„Aber aus dem Gehölz hervortretend, stand er überrascht vor einer prächtigen Szenerie, die sich ihm öffnete, einer intim geschlossenen Landschaft von friedlich großartiger Bildmäßigkeit.“ Diese Naturüberraschung, diese Entdeckung eines genialen Landschaftsbildes erlebt Hans Castorp, der genießende Dauerpatient auf dem Zauberberg.

Nicht nur Herr Castorp, alle Wanderer machen immer wieder Entdeckungen auf ihren Fußgängen. Wir erweitern unseren Horizont, durchaus im Wortsinne, aber auch im übertragenen Sinne. Das können überwältigende Ausblicke in die Landschaft sein. Aber auch der Ameisenhaufen am Wegesrand. Immer wieder macht es mich glücklich, wenn ich ein Reh oder eine Hirschkuh im Wald sehe. Da schwingt Entdeckerglück mit, aber auch eine Naturverbundenheit, denn sowohl Reh als auch Wanderer (letzterer zumindest partiell) sind Waldbewohner. Um die seltene Blume am Wegesrand zu entdecken, brauche ich immer professionelle Hilfe – einen schönen Gruß an meinen Wanderfreund Martin vom Schwäbischen Albverein.

Wenn man mit offenen Augen wandert, kann man alte Bombentrichtern entdecken, Hohlwege, und auf meinen liebsten Wegen im Saarland entdecke ich immer wieder alte Pflastersteine. War der einsame Waldweg vielleicht vor ein paar hundert Jahren eine viel befahrene und durchgehend gepflasterte? Bei den monströsen Zementblöcken mitten in meinem heimatlichen Lieblingswald gibt es keinen Zweifel: Abseits aller Wege entdeckte ich unheimliche Zeugen der Vergangenheit - Bunker des Westwalls.

Jede unverhoffte Begegnung mit Menschen am Weg ist eine Entdeckung. Gestern das Gespräch mit den Mitarbeitern der Naturwacht des Saarlands: Und schon weiß ich, über was man als Naturwacht wacht. Die Begegnung mit dem Lindenwirt auf dem Goetheweg.

Das unverhoffte und hochinteressante Gespräch mit dem Grafen von Schönburg-Glauchau beim unangemeldeten Weinwander-Besuch auf Schloss Westerberg. Überhaupt, die kulinarischen EntdeckungenDer süffige Spätburgunder mit Blick auf die Ahr, die spontane Wanderung im und die Verkostung der Weine des Würzburger Steinbergs, das helle Stiegl auf dem Gipfel des Gaisbergs, die Froschschenkel im Restaurant Woll, alles herrlichste Entdeckungen für Gaumen und Gemüt.

Entdeckung beim Wandern kann überlebenswichtig sein. Ich meine nicht den Ast, den man im letzten Moment entdeckt hat, und der einen mit einem beherzten Griff vor dem Sturz in die Schlucht bewahrt. Ich meine – und das ist medizinisch erwiesen – Krebspatienten, die durch die Entdeckung der eigenen Leistungsfähigkeit nach einer Chemo-Therapie beim Wandern wieder Vertrauen in den eigenen Körper gewinnen und so einem neuen Leben entgegen blicken.

Die Neugier führt uns in neue Landschaften Rhön, Erzgebirge, Zittauer Gebirge. Meinetwegen auch in den Himalaya. Aber oft es sind doch wirklich die kleinen Entdeckungen. Zum Beispiel entdeckte ich zuletzt in Salzburg, einem touristisch kaum erschlossenen Ort, auf dem Mönchsberg nahe der Festung einen bezaubernden Platz. Eine Stadtalm (super-großartiger Name: Stadtalm!) und ein Naturfreundehaus (die gibt es eben auch in Österreich, der Heimat der Naturfreunde) mit phantastischem Ausblick – eine richtige Entdeckung!

Veröffentlicht in: Wandern mit Manuel Andrack